Das Kriegende 1945

Geschichte und Geschichten – so vielschichtig und spannend, dass sie eher in Buchform darzustellen wären. Lesen Sie nachfolgend Auszüge eines Gesprächs zum Thema Kriegsende mit dem Gemeindemitglied und Ehrenältesten Benno Stabernack
(siehe Gemeinde | Gesichter »)

Foto: Tempelhof-Schöneberg-Archiv
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An der Stelle des durch
Bombenangriffe zer-
störten Eckhauses Kur-
fürstenstraße 139/An der Apostelkirche (gesprengt am 17. Juni 1949) wurde das Ge-
meindehaus der Zwölf-Apostel-Kirchen-
gemeinde errichtet. Es trägt seit 2004 den Namen ihres früheren Pfarrers und führenden Mitglieds der Beken-
nenden Kirche, Adolf Kurtz.
 

Herr Stabernack, wie haben Sie den 8. Mai 1945 und das Kriegsende erlebt?

Nun, was heißt eigentlich Kriegsende? Das Ende zeichnete sich ja schon länger vorher ab. Das offizielle Datum 8. Mai ist dafür gar nicht so aussagekräftig.

Wieso sind Sie als damals Dreizehnjähriger überhaupt in Berlin gewesen?

Im Frühjahr 1943 bin ich nach Prenzlau evakuiert worden und lebte dort bei einer partei- und linientreuen Familie. Deren Sohn hat sich mit 15 Jahren freiwillig zur Marine gemeldet. Aber die Leute haben mich wohlwollend aufgenommen und waren sehr nett zu mir. Trotzdem, immer wenn es ging, habe ich mich nach Berlin verdrückt. Weihnachten 1943 das erste Mal. Als Ziel durfte ich ja nicht Berlin angeben und habe deshalb "Hangelsberg, zu meinem Onkel" als Reiseziel angegeben. Ich bin in meinem Leben nicht dort gewesen. Weihnachten 1944 bin ich wieder mit Hängen und Würgen nach Berlin gekommen, habe sogar noch im Amalienhaus in der Motzstraße einen Weihnachtsbaum erstehen können. Als ich dann zurück nach Prenzlau kam, hatte sich etwas verändert. Es kamen ständig Massen von Flüchtlingen in die Stadt, lauter Elendsgestalten, denen man die Strapazen ansah. Die aus Berlin evakuierten Kinder mussten dann ab in die Feuerwache, weil die Häuser mit Flüchtlingen voll waren. Meine Mutter hat mich Ende Januar 1945 abgeholt und wir sind mit einem der letzten Züge bis nach Oranienburg gekommen. Bei uns zu Hause war nur noch ein Zimmer bewohnbar, in dem ich dann mit Vater, Mutter und Tante untergebracht war.

Was haben Sie in Berlin gemacht?

Eine Zeit lang bin ich einfach herumgestromert und habe mir die kaputte Umgebung angesehen. Irgendwie ist meine Anwesenheit in Berlin dann bekannt geworden und ich musste wieder zur Schule. Am 3. Februar kam ein Lehrer in die Klasse und sagte, wir sollten alle schnell nach Hause, ein Luftangriff stehe unmittelbar bevor. Zu Hause waren meine Eltern schon im Bunker, es war einer der seltenen Tagesangriffe und ich habe die Flugzeuge gesehen. Damals war unser Gebiet nicht betroffen, aber die ganze Innenstadt wurde bei diesem Angriff zerstört. Hildegard Knef berichtet in ihren Erinnerungen über diesen Angriff. Es war übrigens der letzte große Bombenangriff auf die Stadt.

Gab es denn Anzeichen des nahen Endes?

Seit April haben die Straßenkämpfe in unserer unmittelbaren Umgebung zugenommen, es waren viele Sperren errichtet, zum Beispiel an der Potsdamer/Ecke Bülowstraße. Als es dann immer heftiger wurde, haben wir überlegt, was wir tun, zu Hause abwarten oder in den Bunker gehen. Wenige Tage nach meinem Geburtstag am 12. April sind wir dann mit unseren Liegestühlen in den Bunker gegangen, dessen Eingang vor der Apostelkirche lag – ein nicht fertig gestellter U-Bahn-Schacht vom Nollendorfplatz –, und sind dort geblieben. Der Bunker wurde schon länger auch als Lazarett benutzt.

Wie war das Leben im Bunker?

Na ja, wir waren das Bunkerleben ja schon durch die Luftangriffe gewöhnt. Wir waren mit vielleicht 15 Personen da unten fast so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Die meisten kannte ich aus der Zwölf-Apostel-Gemeinde. Pfarrer Kurtz und seine Frau waren auch dabei. Schlimm wurde es, als der Strom ausgefallen ist und wir uns mit Kerzenlicht helfen mussten. Es hat oft unheimlich gerumst und keiner wusste richtig, was los war. Hinterher haben wir erfahren, dass der U-Bahnhof am Nollendorfplatz gesprengt worden ist und zwei riesige Krater in die Mackensenstraße, heute Else-Lasker-Schüler-Straße, gerissen wurden. Es gab auch eine ganz witzige Episode. In allen Schächten der U-Bahn am Nollendorfplatz waren ja Menschen. Ich lag in meinem Liegestuhl, als jemand zu mir sagte: "Junge, mach den Mund auf!" Dann stopfte er mir den ganzen Mund voll mit Rosinen. Es war einer von einem Trupp Zwangsarbeiter, Holländer, die hatten komischerweise Unmengen von Rosinen dabei.

Gab es Kontakt zur "Oberwelt"?

Pfarrer Kurtz ist immer wieder herausgegangen, um in Kirche und Pfarrhaus nach dem rechten zu sehen und hat uns berichtet, wenn er völlig verdreckt von den Löscharbeiten, die er eigenhändig in Kirche und Pfarrhaus vorgenommen hatte, zurückgekommen ist. Dennoch gab es das Phänomen, dass Leute irgendwoher »Neuigkeiten« bekamen. Ich erinnere mich an eine junge Frau mit Kind, die plötzlich laut jubelte und schrie: »Wir sind gerettet, wir sind gerettet!« Sie hatte irgendwie davon gehört, dass die Armee Wenck im Anmarsch auf Berlin sei und hatte sich Wunderdinge davon erhofft. Ganz schlimm waren natürlich auch die sanitären Zustände, wie Sie sich vorstellen können. Es gab ja keinen Strom und kein Wasser. Es gab zwar Toiletten, aber die waren hoffnungslos verdreckt. Es hat fürchterlich gestunken.

Gab es auch gefährliche Situationen?

Irgendwann (man hatte ja jedes Zeitgefühl da unten verloren) tauchte ein Trupp aus dem Dunkeln auf. Eine ältere Frau fragte ängstlich: "Seid ihr Russen?"« – auf deutsch! (St. lacht) Es waren Soldaten, fünf oder sechs junge Männer und ein Anführer, oder vielleicht waren es auch SS-Leute, weil ihre Uniformen so sauber waren. Der Anführer lachte: "Gute Frau, sehen wir etwa aus wie Russen?" Wir baten sie, einfach weg zu gehen. Aber der Anführer sagte: "Ich habe den Auftrag, den Bunker zu verteidigen." Sie stellten dann ein MG an einem Ausgang, vielleicht 20 Meter von uns entfernt, unten an der Holztreppe auf und schossen auf alles, was sich oben bewegte. Dann war es auf einmal still. Wir sind dann vorsichtig raus gegangen. Die Russen hatten ein paar Handgranaten runter geworfen. Die Soldaten waren alle tot und wir sind über sie weg raus gegangen.

Und der erste Kontakt mit den Siegern?

Ein Russe in Zivil kam oben auf uns zu und sagte mit erhobenem Zeigefinger in fließendem Deutsch: "Keine Dummheiten machen." Das war alles. Wir sind dann zu unserem Haus in der Bülowstraße gegangen. Es standen überall russische Soldaten, aber keiner hat etwas zu uns gesagt, sie ließen uns einfach in Ruhe gehen. Wir sind dann zur Haustür rein. Als wir drin waren, haben die Russen dann mit riesigen amerikanischen Autos den Eingang mit Schutt zugemacht. Für mich war damit der Krieg aus, das war Ende April. Am 8. Mai, kann sein, dass ich da schon in der Krummen Lanke schwimmen war. Aber, um auf ihre Eingangsfrage zurück zu kommen: Der 8. Mai hat damals für mich keine Rolle gespielt.
Das Gespräch führte Pfarrer Dr. Andreas Fuhr.