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Österliche Gedanken in leidvoller Zeit

„Mein Vater, ist`s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“Matthäus 26,39b
Es fiel so leicht, sich auf Ostern zu freuen: Frühling bahnte sich den Weg, wir konnten viel draußen sein, vielleicht sogar etwas verreisen. Wir feierten Gottesdienst, festlich und fröhlich und freuten uns auf das Osterfrühstück. So war es vor drei Jahren, und keiner konnte sich vorstellen, dass etwas anders sein
konnte.

Zwei Jahre konnten wir der Corona-Pandemie geschuldet gar keine Ostergottesdienste in der Kirche feiern. Und in diesem Jahr, in dem es so aussieht, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach möglich sein wird, hat sich der russische Angriffskrieg in der Ukraine als tiefgehendeErschütterung erwiesen. Viele von uns sind durch das Wissen um diesen Krieg, durch die täglichen Bilder
im Fernsehen und in den sozialen Medien völlig niedergedrückt.

Aber auch, wer eigentlich gesund, froh und munter im eigenen Leben ist, hat das deutliche Empfinden, nicht unbeschwert fröhlich sein zu dürfen, während täglich mehr traumatisierte Flüchtlinge aus der Ukraine am Hauptbahnhof von Berlin und an anderen Orten eintreffen. Ich bin dankbar, dass unser Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg sehr schnell nach Kriegsbeginn Friedensgebete organisiert hat, die nun an jedem Freitag um 18 Uhr in einer anderen Kirche stattfinden. Da sie in der diesjährigen Fastenzeit stattfinden, sind es alle Passionsandachten.

Wir erinnern uns: Vor dem Wunder der Auferstehung stand für Jesus der so menschliche Weg durch Leid, Folter, Demütigung und Hinrichtung. Das Kreuz Jesu ist zum Symbol geworden, was Menschen einander antun können in Grausamkeit und Brutalität. Und gleichzeitig ist im Kreuz Jesu Erlösung genau davon zu sehen. „Seht, auf ihm liegt unsere Schuld, er trägt unsere Strafe.“ Die Verbindung mit dem Leiden Christi zeigt uns unseren Auftrag in der eigenen Erschütterung über den Krieg, der innerlich zur Tat ruft.

In der „ZEIT“ vom 10. März 2022 findet sich auf Seite 62 ein Artikel von Azza Karam, der Generalsekretärin des Weltbundes Religions for Peace. Sie schreibt dort: „Nach Putins Überfall auf die Ukraine hat der Weltbund Religions for Peace
so schnell wie möglich einen Friedensappell veröffentlicht, den auch Vertreter der orthodoxen Kirchen unterzeichnet haben, auch Russen. Und wir haben einen Brief an den Moskauer Patriarchen Kyrill geschrieben, mit der Bitte um Frieden,
obwohl Kyrill den russischen Präsidenten unterstützt. Warum? Warum
plädieren wir jetzt nicht für Waffenlieferungen?

Erstens: Wir wissen, dass Krieg das Beste und das Schlimmste auch bei den Religionsführern hervorbringt.

Zweitens: Wir müssen uns daher jetzt hüten vor der Rechthaberei: Gott ist mit UNS.

Drittens: Triumphalismus wird unmöglich, wenn Gläubige sich verbünden. Die Religionsführer, die wir versammeln, kommen aus Kontexten voller Hass und Aggression.      Aber wenn sie miteinander sprechen, werden sie zu Friedensstiftern
– oder doch Friedenssuchern.“

Der Krieg in Europa ist ein bitterer Kelch, der von uns allen ungefragt ausgegossen ist. Diejenigen, die jetzt Leben und Gesundheit verlieren, die Traumata für ihr gesamtes Leben hier erleiden, die mit kaum Hab und Gut auf der Flucht sind, sie haben ihn zu trinken – wir fürchten uns davor. Möge die beeindruckende Bereitschaft zu helfen, zu unterstützen und aufzunehmen bleiben. Und mögen wir uns als Christinnen und Christen daran erinnern, dass
unser Auftrag ist, Frieden zu stiften.

Ich beneide die Politikerinnen und Politiker nicht in ihrem Zwang zu vielen Entscheidungen. Und für sie dürfen wir beten.

Aber lassen wir uns nicht verleiten. Es wird viel von einer Zeitenwende gesprochen, in der viele Gewissheiten nicht mehr gelten. Auch für den Glauben nicht mehr? Noch einmal Azza Karam: „Ich bin die erste Frau an der Spitze unseres Weltbundes Religions for Peace. Ich erlebe jetzt, wie Männer sich wieder kriegerisch gebärden und Frauen beiseitedrängen. Ich wünsche mir, dass Religionsführerinnen ihre Stimme für den Frieden erheben. Und ich wünsche mir von religiösen Männern wie Frauen, dass sie erkennen, worin ihre Macht besteht: sich nicht länger zur Rechtfertigung von Kriegen benutzen zu lassen, sondern sich zu verbünden und ein Gewissen der Welt zu sein. Wer jetzt Frieden stiften will, der muss demütig zuhören können. Und er sollte sich der Geschichte erinnern, statt zu glauben, dass wir jetzt Geschichte machen – oder sie gar beenden können.“

Ja, wir werden Ostern in leidvoller Zeit erleben. Und doch hoffentlich die Auferstehung feiern. Vielleicht kann es zu unserer persönlichen Zeiten- und Lebenswende werden. Das Leiden Jesu erfassen und der Kraft seiner Auferstehung trauen mitten in unserem Leben heute und jetzt. In unserer Müdigkeit durch die Corona-Jahre, in der Angst der Gegenwart und vor der Zukunft, ermutigt, wo wir Gemeinschaft erfahren: „Mein Vater, ist`s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!“ betete Jesus im Garten Gethsemane.

Gottes Wille, das ist seine Liebe, das ist Frieden und Freiheit, die niemand nehmen kann, das ist die Auferstehung und das unzerstörbare, ewige Leben.
In diesem Sinne wünsche ich allen, nah und fern, von Herzen ein gesegnetes Osterfest.

Pfarrer Burkhard Bornemann