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Ostermorgen

„Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ – Markus 16,1-2

Wenn in Ägypten am Morgen die Sonne ihre ersten Strahlen über den Horizont schickt, erhebt sich seit Tausenden von Jahren in der Wüste ein wildes Geschrei. Horden von Mantelpavianen begrüßen die Sonne mit lautem Rufen, Schreien und tanzend anmutendem Umherspringen. Wenn der Sonnenaufgang die eisige Umarmung der Wüstennacht vertreibt, feiern die Affen frenetisch die Rückkehr der Wärme – und des Lebens.

Ihr Verhalten wurde den Ägyptern zum Inbegriff der Hoffnung. Das Wort für das kreischende Begrüßungsgespringe war gleich mit „Hoffnung“. Und auch in unserem Wort hallt noch etwas von dieser Lebensregung, ist doch das englische „Hope“ mit „Hopsen“ verwandt. Das Schreien der Paviane nach dem Dunkel der Nacht wurde im alten Ägypten mit den Freudeschreien der Engel zum Schöpfungsbeginn verglichen (Hiob 38,7), als der höchste Gott die Chaosmächte durch die Scheidung von Licht und Dunkel zurückdrängte und die Insel unserer Welt inmitten des tobend-finsteren „Irrsals und Wirrsals“ errichtete. Im Erleben des Sonnenaufgangs schwingt in der Tiefe eine Dankbarkeit über die eigene Existenz, letzten Endes eine Dankbarkeit darüber, dass etwas, nämlich die Schöpfung, ist und nicht Nichts.

An den Pavianen Ägyptens konkretisiert sich sehr deutlich eine ganz allgemeine Regung allen empfindenden Lebens auf Erden. Nur sich einmal bewusst zu machen, wie sehr die jährlichen Sonnenstände die eigene und allgemeine seelische Befindlichkeit durchdringen oder dass unsere Körpertemperatur und sämtliche Vorgänge unseres körperlichen Lebens – wie die aller Säugetiere – im Kern einzig auf umgewandelter Sonnenkraft beruhen, kann uns ein Hinweis sein, inwelchem Ausmaß Tier- und Pflanzenreich auf das Himmelsgestirn als Quelle hinstreben. Eine Strebung, die auch uns Menschen als Geschöpf tief eingeschrieben ist.

In einem dreieinhalbtausend Jahre alten Gesang aus Ägypten über die Sonne heißt es: Wenn das Küken im Ei redet in der Schale, dann gibst du ihm Luft darinnen, um es zu beleben; du hast ihm seine Frist gesetzt, um die Schale zu zerbrechen; es kommt heraus aus dem Ei, um zu sprechen zu seiner Frist; es läuft auf seinen Füßen, wenn es aus ihm herauskommt. Ostern ist ein Sonnenaufgang. In die Finsternis dieser Welt, im Strudel ihres endlosen Sterbens und Werdens, des schier ewigen und scheinbar unlösbaren Geflechtes des Fressen und Gefressenwerdens, Zeugen und Gezeugtwerdens, der Wellenberge der Generationen und ihrer Erblasten brach sich die Dämmerung eines überirdischen Lebens Bahn. „Das Licht der Welt“, der Christus ging in seiner Auferstehung über allen Wesen auf, damit „wer ihm nachfolgt, nicht mehr in der Finsternis wandelt“ (Johannes 8,12).

Wie ein jeder Sonnenaufgang in jeder Faser unseres Körpers und unserer Seele Freude über das eigene Dasein hervorruft, so ist auch diese Empfindung letztlich nur eine Vorfreude und ein Fenster zu jenem Licht, das „einen jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“ und mit welchem wir durch unsere Taufe über unsere Existenz, auch über die Todesnacht hinweg, fest verbunden sind. So dürfen wir uns angesichts der zunehmenden Helle im Gottesdienst am Ostermorgen in eine Urfreude fallen lassen, um von österlicher Hoffnung berührt zu werden.

Carsten Schmidt