Veröffentlicht am Do., 24. Dez. 2020 08:00 Uhr

„Als aber Jesus zu Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen des Herodes, des Königs, siehe da kamen Magier aus dem Morgenlande nach Jerusalem, welche sprachen: Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.“ (Matthäus 2, 1-2)  

Ich kann mich an eine Begebenheit aus dem März 2012 erinnern, als mir auf dem Weg zum U-Bahnhof eine Frau entgegenkam, die plötzlich stehenblieb und erstaunt zum Himmel blickte. Bei einem Herrn, der etwa zwei Meter hinter ihr herging, war es genau dasselbe. Beide brachten mich durch ihr Verhalten dazu, ebenfalls anzuhalten und mich umzudrehen. Zwei helle Punkte am Himmel zogen die Aufmerksamkeit schnell auf sich, beeindruckend stachen sie am Abendhimmel hervor. Es waren die Planeten Jupiter und Venus, die sich bis auf drei Grad im Sternbild Widder einander angenähert hatten und ein paar Tage hindurch für mehrere tausend Anrufe an deutschen Sternwarten sorgten. Das Himmelsphänomen brachte Menschen in eine Form besonderer Aufregung und Bewegung zu ergründen, was es damit auf sich habe.

Vor ein paar Tagen erzählte jemand, dass er sich „aufs Dach gestiegen“ sei, um eine seltene Erscheinung am südwestlichen Abendhimmel zu erschauen, die das letzte Mal vor mehreren hundert Jahren sich ereignet habe. Die Planeten Jupiter und Saturn näherten über Tage am südwestlichen Abendhimmel immer weiter aneinander an, so dass sie schließlich am 21. Dezember zu einem Lichtpunkt wurden –zumindest für diejenigen, die das Glück hatten, dass keine Wolken ihren Blick hinderten. In den Medien wurde in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen, dass eine solche Konstellation vielleicht auch dem überlieferten Stern zugrunde lag, der die „Könige aus dem Morgenland“ zur Krippe Jesu geführt hatte.

Auf seiner Reise durch den Mittleren Osten machte Marco Polo einst einen Halt in der nordostpersischen Stadt Hamadan, deren Bewohner ihm stolz erzählten, dass aus ihrer Stadt die drei Könige stammen würden, welche zur Zeitenwende einst nach Israel aufbrachen, als sie den Stern erblickten, der die Geburt Jesu ankündigte. Man hatte bereits zu der Lebenszeit Marco Polos lange gerätselt, welche Himmelserscheinung sich hinter dem „Stern“ wohl verbarg und den Aufbruch der Weisen verursacht hatte. War es ein besonders hell leuchtender Komet, womöglich der Halleysche Komet, dessen Auftauchen bereits den Kirchenlehrer Origines zu dieser Vermutung brachte und den Maler Giotto Anfang des 14. Jahrhunderts zu seiner Darstellung der Christusgeburt inspirierte? Oder die Explosion einer fernen Sonne, eine sogenannte Supernova? War es vielleicht eine besondere Stellung zweier oder mehr Planeten aus unserem eigenen Sonnensystem –wie die bereits erwähnte von Saturn und Jupiter-, die vielleicht wie ein einziger heller Punkt am Himmel erschien? Und als letzte Möglichkeit – ist der Stern vielleicht gar nur eine Erfindung des Schriftstellers des Matthäusevangeliums, ein Bild der Hoffnungen für die Erscheinung eines Weltenheilands?

Der Halleysche Komet war es wohl nicht, denn dieser erschien im Jahre 14 v. Chr. am Firmament; auch eine andere Kometenerscheinung wird in chinesischen Schriften nicht erwähnt, die ansonsten bereits sehr detailliert und mit großer Unterscheidungsfähigkeit über solche Phänomene berichten. Im Jahre 1604 beobachtete der Astronom Johannes Kepler einen hell aufblitzenden Stern im Stern-bild Schlangenträger, der die Menschen beunruhigte. Zuvor war es in diesem Jahr zu drei Annähe-rungen der beiden Planeten Jupiter und Saturn gekommen. Da Jupiter bereits in der Antike mit dem Königs- bzw. Kaisertum verknüpft wurde und Saturn für das jüdische Volk stand, stellte sich Kepler vor, dass eine solche Ereigniskette vielleicht auch dem überlieferten Bethlehems-Stern zugrunde liegen könnte. Er begann seine Berechnungen und fand tatsächlich heraus, dass sich im Jahre 7 vor Christus die beiden Planeten dreimal sehr nahe kamen im Sternbild Fische. Das Sternbild Fische wiederum wurde bereits in den Jahrhunderten vor der Geburt Christi mit dem östlichen Mittel-meerraum verbunden; der untere Abschnitt des Sternbildes, wo sich die Planeten nahe kamen, stand für die Region Palästinas. Erst später erkannte man, dass die Geburt Jesu – so widersprüchlich das zunächst klingt – aufgrund zweier Berechnungsfehler bei der Umstellung von Kalendern ein paar Jahre vor Christus stattfand. Viele Gelehrte glaubten nun, dass die beiden Planeten tatsächlich den Stern von Bethlehem bildeten. Als man 1925 in der babylonischen Stadt Siphtar Testtafeln fand, die genau diese dreimalige Konstellation nannten, wurde die Schlussfolgerung eingängig. In beinahe allen Planetarien wird in der Vorweihnachtszeit die dreimalige starke Annäherung der beiden Planeten in Veranstaltungen vorgeführt.

Aber Kepler hatte ja eigentlich eine helle Sternenexplosion für den bethlehemitischen Stern gehal-ten; auch wird im Evangelium ausdrücklich von einem Stern gesprochen; die Planeten (der Begriff bedeutet im Altgriechischen „Wanderer“) wurden in der damaligen Zeit davon unterschieden. Auch im sogenannten Protevangelium des Jakobus, das etwa 150 nach Christus entstand, sprechen die Weisen aus dem Morgenland: „Wir haben gesehen, wie ein überaus großer –Stern unter diesen Sternen aufstrahlte und die anderen Sterne verdunkelte.“ Der Bischof Ignatius von Antiochien schrieb Jahrzehnte zuvor in seinem Brief an die Epheser, den er auf dem Weg nach Rom schrieb, als er bei einer Christenverfolgung gefangen worden war: „Ein Stern erstrahlte am Himmel, heller als alle Sterne, und sein Licht war unaussprechlich und seine Neuheit erregte Befremden; alle übrigen Sterne aber samt Sonne und Mond umgaben den Stern im Reigen; er selbst übertraf durch sein Licht alle; und Verwirrung herrschte, woher die neue, ihnen ungleichartige Erscheinung wäre.“

Der britische Astronom Mark Kidger fand dazu chinesische und koreanische Quellen, die von einer hellen Himmelserscheinung – keinem Kometen! – von Mitte März bis Ende Mai des Jahres 5 vor Christus für insgesamt 76 Tage im Sternbild Adler sprechen. Er deutet dies als Supernova. Die dreimalige Jupiter-Saturn-Konjunktion hätte den Weisen angezeigt, dass in Israel ein neuer König geboren werden würde; die Supernova knapp zwei Jahre später bewirkte dann wahrscheinlich ihren Aufbruch. Die Weisung des Herodes, alle Knaben in Bethlehem im Alter bis zu zwei Jahren zu töten, würde damit einer aus diesen Umständen heraus zielgerichteten Gründlichkeit entspringen.

Aus zahlreichen Bilddarstellungen kennt man die drei Könige aus dem Morgenland, die an der Wiege des Christuskindes stehen, um ihm Ehrerbietung zu erweisen. Im Neuen Testament, beim Evangelisten Matthäus ist jedoch nie von Königen die Rede oder dass es nur drei gewesen seien. Im Text ist von Magiern – im Griechischen magoi – die Rede. Der Begriff Magier bezeichnet im alten Sinne jedoch keine Zauberer, sondern Sterndeuter. Es waren Priester, die über astronomische Kenntnisse verfügten, den Gang der Sterne und Planeten beobachteten und Mond- und Sonnenfinsternisse bereits vorausberechnen konnten und zudem verantwortlich für die Erziehung des Thronanwärters waren. Sie gehörten zumeist dem Volksstamm der Meder an, die im Nordosten Persiens lebten, in genau der Region, wo sich auch die Stadt Hamadan befindet. Die Ereignisse dürften von ihnen als Ankündigung der Geburt eines großen Herrschers gedeutet worden sein. Die Schöpfung spricht stets auf ihre eigene Art und Weise, ihre Lesbarkeit setzt jedoch entsprechende Kenntnisse voraus.

Um die Zeitenwende gab es eine große Hoffnung im gesamten Mittelmeerraum auf einen Erlöser; auch in Persien existierten Überlieferungen auf ein solches Erscheinen, das die Welt ihrem gött-lichen Ursprung wieder anzunähern vermag. Das Erscheinen des Christus geht schon an der Wiege des Jesuskindes über die Grenzen Israels hinaus.

Hoffnung ist für uns Menschen stets an eine Orientierung im Leben gebunden. Große Hoffnungslosigkeit oder Depression erfahren wir stets als Licht- und Trostlosigkeit, als Finsternis. In einer Nacht aber können einem nur Himmelslichter eine Position und Richtung aufzeigen.

Der Psychotherapeut Viktor Frankl berichtete über eine Frau, die sich in einer großen Lebenskrise befand, die von Aussichtslosigkeit gekennzeichnet ist. Da widerfuhr ihr ein Traum. Sie stand in einer stockdunklen Nacht in einer ländlichen Gegend und war erfüllt von Verwirrung und Angst. Plötzlich strahlte ein Stern am Himmel auf, wobei sie das Gefühl hatte, dass dieser irgendwie ein letztes Hilfsangebot für sie darstellt. Sie entschließt sich im Traum, diesem Stern zu folgen. Auf die Frage hin, was sie mit dem Stern verbinden würde, antwortete sie spontan: Christus. In unserer Innenwelt existiert ebenfalls das Aufscheinen von Sternen, ja es existiert gleichsam ein inneres Firmament, dessen Gestirne und Konstellationen auch scheinen, wenn Wolken sie verhängen oder unser Blick sich nicht zu ihnen aufzuraffen vermag. Im Christusereignis berühren sich diese seelisch-geistigen Tiefen mit den geschichtlichen Ereignissen und kosmischen Weiten. Die Ereignisse korrespondieren sinnentsprechend mit Zeichen in der Natur. Weihnachten aber kann uns so zum Symbol werden, dass uns in aller umgebenden und dichter werdenden Dunkelheit ein Stern leiten und hüten will.  In der Stille können unsere Augen für ihn aufgetan werden. Gleich den persischen Magiern sind wir gerufen, ihm zu folgen.

Text: Carsten Schmidt, Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde GKR-Vorsitz

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Kategorien Gottesdienste und Andachten