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2010
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THEMA: KOPFTUCHSTREIT/ISLAM
Gemeinsam Verständnis und Integration fördern

Gespräch mit Özlem Okumuş, seit drei Jahren Lehrerin für islamischen Religionsunterricht an zwei Berliner Grundschulen, in Moabit und Kreuzberg.

Frau Okumuş, wie beginnen Sie Ihren Unterricht?
Wir haben zu Anfang ein Ritual, ein Gebet, um ein Signal für den Anfang des Unterrichts zu setzen und ruhig zu werden.

Sind die Kinder in Ihrem Unterricht von Haus aus religiös gebunden oder eher nicht?
Das ist ganz gemischt. Aber viele der religiös geprägten Kinder kommen nicht zum Religionsunterricht. Vielleicht glauben die, schon alles zu wissen.

Wie sieht Ihr Verhältnis zu den Eltern Ihrer Schülerinnen und Schülern aus?
Jetzt, nach drei Jahren, gibt es doch eine Reihe sehr guter Kontakte, das hat sich langsam aufgebaut. So kommt es häufiger vor, dass ich auch in anderen als schulischen Fragen um Hilfe oder Vermittlung angesprochen werde, bei menschlichen, familiären Problemen. Es gibt natürlich auch Eltern, die gar kein Interesse an der Schule und am Religionsunterricht haben.

Wie ist die nationale Herkunft Ihrer Schülerinnen und Schüler?
Das ist ganz gemischt: Türken, Bosnier, Mazedonier, Pakistaner, Inder und viele mehr. Die größte Gruppe ist arabischer und türkischer Herkunft. Die Unterrichtssprache ist natürlich deutsch, nicht nur wegen der gemischten Zusammensetzung der Klasse, sondern weil wir ja auch das Ziel der Integration haben.

Frau Okumuş, Sie tragen ein Kopftuch. Haben Sie deshalb Probleme mit Lehrkräften oder Schülern?
Am Anfang gab es Irritationen und Diskussionen im Lehrerkollegium, die sich aber ganz gelegt haben. In den Schulklassen gab es das gar nicht. Natürlich fragen die, aber das sind ganz praktische Fragen, etwa, wie ich das Kopftuch anlege, ob ich darunter frisiert bin, ob es im Sommer nicht zu warm ist und ähnliches.

Haben Sie bezüglich des Kopftuchtragens irgendwelchen Einfluss auf Schülerinnen feststellen können?
In Moabit habe ich keine Schülerin, die in meinem Unterricht ein Kopftuch trägt, in Kreuzberg sind es einige, aber die Zahl hat nicht zugenommen, im Gegenteil, eine trägt jetzt keines mehr. Aber wie gesagt, religiös war das nie ein Thema zwischen uns.

Wie war Ihre Aufnahme als islamische Religionslehrerin im Lehrerkollegium?
Im Kollegium herrschte am Anfang große Skepsis und es gab viele Vorurteile. Aber das hat sich inzwischen völlig gelegt und ich fühle mich sehr wohl an den Schulen. Ich denke, dass mich die Lehrer jetzt akzeptieren. Zu einigen habe ich sehr gute, freundschaftliche Kontakte. Es kommt immer wieder vor, dass Lehrer zu bestimmten Themen zum islamischen Standpunkt nachfragen, etwa zur Schöpfung, zum Ramadan oder was gerade aktuell in den Medien angesprochen wird. Da werden natürlich viele Vorurteile transportiert.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit den evangelischen und katholischen Religionslehrern?
Zu Weihnachten haben wir letztes Jahr mit den Religions- und Lebenskundeklassen gemeinsam einen Film angesehen und darüber gesprochen. Es ging in dem Film um ein türkisches Mädchen, das gerne Weihnachten feiern möchte, mit Weihnachtsbaum und allem drum und dran, und die Konflikte, die es deshalb in ihrer Familie gegeben hat. Wir haben auch einmal alle Religionslehrerinnen in die Islamische Föderation eingeladen, um uns besser kennen zu lernen und über Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu sprechen.

Kommt Jesus im islamischen Religionsunterricht vor?
Ja natürlich. Jesus spielt ja eine wichtige Rolle im Koran, er ist einer der Propheten, die ein Buch übermittelt haben. Wir besprechen im Religionsunterricht die koranische Geburtsgeschichte, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur christlichen Sicht. Auch Mose und das Judentum sind Thema des Unterrichts. Mit der 5. und 6. Klasse besuchen wir eine Kirche und, weil es mit eines Synagoge schwieriger ist, das jüdische Museum. Auch der Atheismus ist Thema unseres Unterrichts, also die Möglichkeit, nicht an Gott zu glauben. Wir planen, auch buddhistische und hinduistische Tempel zu besuchen.

Sehen Sie eine Chance zur Integration durch den islamischen Religionsunterricht?
Ja. Das ist auch ein wichtiges Ziel unseres Unterrichts. Wer sich seiner Überzeugung bewusst ist, kann sich verständlich machen und im Gespräch ausdrücken. Wir möchten den Kindern dabei helfen, Selbstbewusstsein und Identität zu finden.

Wie gehen die Kinder mit der Islamphobie in unserer Gesellschaft und der Darstellung in den Medien um?
Die Reaktion der Kinder ist ganz unterschiedlich. Hier spielt natürlich das Elternhaus eine wichtige Rolle. Es kam vor, dass im Unterricht Papierflugzeuge mit entsprechenden Kommentaren durch die Klasse flogen. Ich stelle klar, dass Attentate und das Töten von Menschen nicht im Sinne des Glaubens sind und jeder Glaube, jede Religion versucht, Frieden zu vermitteln.

Frau Okumuş, was wünschen Sie sich von der Schule?
Ich wünsche mir eine noch intensivere Zusammenarbeit bezüglich der Probleme der Kinder, dass wir gemeinsam die Integration ins Schulleben fördern; und den Familien gemeinsam bei ihren vielfältigen Problemen helfen zu können, denn die Familien leben oft in schwierigen sozialen Verhältnissen.

Das Gespräch führten Mona und Andreas Fuhr.

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