AUF EIN WORT
Kreuz in der Kirche Reiche leben länger. In Zehlendorf zum Beispiel um die 8 Jahre länger als in Kreuzberg. Lange nach den ersten Studien hat es sogar die Bild-Zeitung (15.8.2005) mitbekommen. Dann können sie sich ausrechnen, wie viel Lebenszeit mit den sechsundzwanzig Milliarden (26.000.000.000!) Euro der Berliner Bankgesellschaft den Besitzer gewechselt hat. Von dem Geld hätten locker 10.000 junge Lehrer ein Leben lang Kinder unterrichten können. Ein Verbrechen an einer ganzen Generation. Gewinne privatisieren, Verluste der Allgemeinheit aufbürden – auch die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde ist in ihrem Umfeld täglich mit den Folgen konfrontiert.
Es gibt so unvorstellbar viel zu tun, zugleich Millionen, die nicht arbeiten dürfen. Und die, denen der Neoliberalismus noch Arbeit gelassen hat, schieben Überstunden bis zum Umfallen. Das Wirtschaften auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen entlarvt sich inzwischen weltweit immer mehr als völlig irrationales Wahngebilde. Und wen das alles krank macht, der bekommt nur noch dann Medizin, wenn er sie bezahlen kann? Börsenkurse entscheiden über Leben und Tod. Geld regiert die Welt, erbarmungsloser als es ein Mensch könnte. Sind wir alle also nur die Sklaven des Geldes? Sind wir die Geiseln der Weltwirtschaft? Sind wir wirklich geistig-moralisch schon so verkommen, dass nur noch das sozial ist, was Arbeit schafft, egal um welchen Preis?
Es gibt einige, die davon profitieren. Und es gibt genug, die das alles rechtfertigen. Und dieselben Leute, die so etwas für naturgemäß und vernünftig erklären, belächeln zugleich die Bergpredigt Jesu als weltfremden Idealismus. Nichts für ungut: Im Vergleich mit dieser Wahnsinnslogik ist für mich die Liebespredigt Jesu der reinste Rationalismus.
Geld regiert die Welt, ein gefühl- und besinnungsloses, kaltes Metall. Wir alle, auch die Kirche, sind von ihm abhängig. Es ist sehr verführerisch, sich diese Abhängigkeit schönzureden, denn wir Menschen haben eine oft fatale Neigung, gerade das, wovon wir besonders abhängig sind, zum Gott zu machen. Davon profitieren nicht nur Drogenbosse.
Muss ich mich also damit abfinden? Habe ich nicht jederzeit die Freiheit, meinen Schaden gerade nicht als Wohltat zu preisen?
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist – aber verehrt ihn nicht als Gott! Die Freiheit eines Christenmenschen ist nicht zu verwechseln mit der Freiheit des Geldes. Niemand kann zwei Herren dienen … Christentum und Neoliberalismus sind deshalb unvereinbar. Entweder ich bete Gott an oder den Mammon. Das ist die eigentliche Wahl vor der wir stehen. Jeden Tag neu.
Unsere Gemeinde bietet vielfältige Gelegenheiten, immer mal wieder zu der geistigen Knechtung von Markt und Kommerz einen gesunden Abstand zu gewinnen, nicht nur in Gottesdienst und Konzert; über Sinn und Unsinn nachzudenken, sich dem zuzuwenden, was wirklich wichtig ist im Leben. Nicht mehr nur allein mit Zweifeln kämpfen, Verantwortung übernehmen. Sinn erfahren, indem man gebraucht wird, endlich einmal nicht als Objekt der Ausbeutung.
Und dann gibt es da noch die Studien, die zeigen, dass Leute mit einem Glauben länger und vor allem besser leben … Jeder von uns hat mehr als er ausgeben kann, und sei es nur ein Lächeln, eine Wahrnehmung, eine interessante Idee. Wie gerne gibt man doch, wenn man weiß, dass es benötigt und dass es gedankt wird. Wie gern lernt und arbeitet man, wenn man nicht dazu gezwungen wird; sich gemeinsam in seinem Umfeld für eine bessere Welt einsetzen.
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Ich jedenfalls male mein Kreuz da, wo es Sinn macht: in der Kirche.
Thomas Völker |
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