AUF EIN WORT
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der Zwölf-Apostel-Kirche |
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Von seiner Fülle haben wir alle
genommen, Gnade um Gnade.
Johannes 1,16
Von unserer Fülle, von der Fülle unserer Dinge und Aktivitäten
könnte ich jetzt schnell ein paar Seiten voll schreiben. Wir gehen
miteinander auf Weihnachten zu – da stehen für die meisten
Menschen jede Menge Besorgungen, Briefe und Pakete, Geschenke, Besuche … auf
dem Programm. Fast alle haben damit zu tun, dass wir einander zum Fest
"eine Freude machen wollen". So etwas macht meistens auch
selber Freude. Ein wirkliches Geschenk ist doch immer auch ein Stück
persönlicher
Anrede, Zuwendung. Bloß keine Pflichtübungen! Aber mancher
unter uns macht in seinem vorweihnachtlichen Eifer, seiner gutgemeinten
Betriebsamkeit auch die Erfahrung, wie schnell Hektik um sich greift
und den tieferen Sinn von Weihnachten verstellt und beschädigt.
Ich wünsche Ihnen und mir für die Adventswochen immer wieder
auch Ruhepunkte, Stunden des Zusichkommens und Beieinanderseins jenseits
der Termine. Werden wir diejenigen im Blick behalten können, die
sich auf das Fest gar nicht freuen können, sondern dagegen angehen?
Weil sie an diesen Tagen besonders einsam sind – oder doch allein
mit schwermütigen Erinnerungen, mit Krankheit und Misserfolg,
mit Trauer oder Trennung?
Der kurze Satz aus dem Johannesevangelium redet von einer ganz anderen
Fülle. Von der Fülle und dem Reichtum Jesu Christi. Aufgezwungen
wird uns gar nichts von seinen Gaben, er lässt es ja auch geschehen,
dass wir sie in der Fülle unserer Dinge geradezu vergessen, ersticken
oder behindern. Können wir Heutigen die überschwängliche
Erfahrung jener frühen Christen so einfach nachsprechen? Von seiner
Fülle haben wir alle genommen, man könnte moderner formulieren:
Eine Gnade nach der anderen. Vielleicht würden Sie, liebe Leserin
oder lieber Leser, das sparsamer formulieren, was Sie in Ihrem Dasein
bisher von Christus und seiner Fülle "genommen" und
gehabt, gelernt und geschenkt bekommen haben: Kraft und Zuversicht,
Einsichten und Bewahrungen, Freude oder Geduld. Mir selbst geht es
immer wieder so, dass mir ein so starkes Bekenntnis aus der Urchristenheit
eher zur Bitte wird. Eins unserer schönsten Morgenlieder spricht
diese Bitte so aus: "Laß’ Herz an Gnad kein Mangel
han." Gnade im Blick auf unser letztes Ende, ganz gewiss, Gnade
aber für unser gemeinsames Menschsein hier diesseits des Todes.
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Unser Wort Gnade fasst längst nicht alles, was in der Bibel
dafür
steht. Güte und herzliches Wohlwollen schwingen mit, die ja schon
im Mitmenschlichen immer etwas Geschenkhaftes, Freies an sich haben.
"Ein Verhalten, das Freude macht", hat der große Theologe
Rudolf Bultmann den Sinn des Wortes akzentuiert. Wo wir aus der Fülle
Jesu Christi wahrnehmen, annehmen, in unseren Kräftehaushalt aufnehmen,
dass Gott uns gut und gnädig bleibt – was auch kommt –,
da verlieren Ängste, Schärfen und Hoffnungslosigkeiten doch
viel von ihrer lähmenden, tötenden Macht. Da können
wir viel wacher wieder aus der Quelle des Lebens leben. Da sehen wir
den Menschen neben oder gegen uns eher auch in Gottes Licht. Den anderen
Menschen – und auch uns selbst. Wir können doch nur weitergeben,
ausstrahlen – und leben im Umgang mit dem schwierigen oder angenehmen
Nächsten –, was wir selber empfangen. Man muss darum bitten:
Laß’ Herz an Gnad kein Mangel han.
Das ist ein unabsehbares Lernfeld. Es müsste nicht so viele ungnädige,
gnadenlose Denkweisen und Reaktionen unter uns – immer irgendwo
fragwürdigen – Menschen geben, wenn wir nur stärker
mit und aus den Gnaden Jesu Christi lebten! Weil Gott uns gut ist,
so wie wir sind, weil Gott dir und mir gut ist, so wie du bist und
so wie ich bin – darum können wir doch auch miteinander
gnädiger umgehen, als wir das oftmals tun!
Darum können wir (recht verstanden) auch uns selber gnädiger
sein, als wir oftmals sind, und uns selber wirklich annehmen. Das letztere
ist mitunter viel schwieriger, viel kostbarer als das erstere. "Wir
werten den anderen ab, wenn wir uns selber minderwertig fühlen",
las ich kürzlich in einem hilfreichen Buch – und verstand
auf einmal etwas mehr von all den zwanghaft ungnädigen Reaktionen
in unserer Leistungsgesellschaft. Dort gelten Gnade und Güte ja
eher als Luxus, den sich nur harmlose Gemüter leisten.
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In einem der
weihnachtlichen Bibeltexte heißt es von Christus,
in ihm sei die Menschenfreundlichkeit
Gottes erschienen (Titus 3,4). Noch ein
anderes Wort für
die gleiche unausschöpfliche Kraft. Dass wir in diesen
Wochen und zum Fest davon etwas neu begreifen,
ergreifen, uns
von ihr ergreifen und aufschließen lassen, das wünsche
ich uns allen. Gesegnete Weihnachten!
Heinz-Hermann
Wittrowsky
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