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Apsisfenster
der Zwölf-Apostel-Kirche (Detail) |
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Grund unserer Hoffnung –
im Leben und
im Sterben
Man kann heute oft die Meinung hören, der moderne Mensch fürchte
sich nur noch vor dem Sterben, aber nicht mehr vor dem Tod. Doch
das stimmt nicht. Jeder von uns wird, wenn er erfährt, dass er
unheilbar krank ist, und so die allgemeine Wahrheit, dass der
Mensch sterblich ist, für ihn zur persönlichen Nachricht
wird, dass er jetzt sterben muß, spontan dagegen protestieren:
Warum gerade ich?
Dieser spontane Protest verrät, dass wir uns nicht nur
vor dem Sterben fürchten, sondern vor dem Tod Angst haben. Warum
gerade ich? – daraus spricht die Angst vor der "Vernichtung"
unseres Ichs. Es ist nicht die Angst vor irgend etwas, sondern die
Angst vor
dem Nichts. Und darum ist es eine "namenlose" Angst. Denn
wir können das Nichts wohl abstrakt denken, aber nicht konkret vorstellen.
Ein Zustand, in dem wir nicht mehr da sind, in dem niemand mehr
an uns denkt, in dem wir nicht mehr geliebt werden, in dem unsere
Namen schließlich
ganz und gar vergessen sind, selbst von jenen, die uns einstmals
nahe waren, weil auch sie längst nicht mehr sind – wenn irgend
etwas, dann bedeutet dies das totale Nichts. Das totale Nichts
aber ist für uns entweder ein unvorstellbarer Zustand oder eine
unerträgliche
Vorstellung. Es bildet den äußersten Gegensatz zu unserem
leidenschaftlichen Verlangen nach Identität und Bleiben.
"O Welt,
ich muß dich lassen": Das Haus, in dem ich wohne,
und die Straße, durch die ich täglich gehe – ohne mich. Der
Waldrand oder das Meer, auf das ich nachts, wenn der Mond scheint, blicke – ohne
mich. Die Menschen, die ich liebe – ohne mich. Die Freunde, die Nachbarn,
die Kollegen – ohne mich. Der Gedanke dünkt fast unerträglich,
einfach am Wegrand zusammenzusinken und zurückzubleiben, während die
anderen weiterwandern, plaudernd, als wäre nichts geschehen. Alles geht
weiter – und alles ohne mich. Der Welt und den Menschen zuschauen, ohne
dass man selbst dabei ist, und ihnen das Leben gönnen, ja sie segnen
und sprechen: Es ist gut so – wer das vermag, der hat die wahre Lebens-
und Sterbekunst in eins gelernt. Aber wie vermag man das?
Wenn wir uns vornehmen,
nicht an den Tod zu denken, denken wir bereits an ihn. Der Gedanke an den Tod
legt sich als ein Schatten über unser ganzes Leben
und drückt ihm seinen Stempel auf. Hiob hat recht: Sobald der Mensch geboren
ist, ist er alt genug, um zu sterben – und darum ist das Leben voll Unruhe.
Es gibt keine Sicherung vor dem Tod. Alles Streben nach Sicherheit steigert
nur die Unruhe in unserem Leben, weil wir uns unserer Sicherheit nie endgültig
sicher sein können. Darum können uns alle Lebensgüter und -werte
wohl für einen Augenblick befriedigen, aber nicht auf Dauer befrieden.
Da
hat einer sein Herz an das Geld oder an den Erfolg gehängt, und woran
einer sein Herz hängt, das ist sein Gott. All sein Streben richtet sich
darauf, koste es, was es wolle, zu haben und immer mehr zu haben. Auf diese
Weise gerät er in eine atemlose Hast, er lebt in einer ständigen Überforderung
seiner Kräfte. Hingegeben an das Geld oder an den Erfolg oder woran
sonst immer, merkt er nicht, wie seine Substanz sich rasch und rascher aufzehrt – bis
zum Zusammenbruch, sei es, dass seine physischen Kräfte nicht mehr
ausreichen, sei es auch einfach, dass er plötzlich der Öde
und Leere seines Lebens gewahr wird und vor lauter Langeweile nur noch todmüde
gähnt.
Welch unheilvoller Widerspruch: Um der Angst vor dem Nichts zu entgehen,
verhalten wir uns um so leidenschaftlicher zu dem Nichtigen und treiben
so nur noch tiefer
in das Nichts hinein!
Ob unser Leben nur erfolgreich oder ob es fruchtbar ist, ob es nur
ein bestimmtes Quantum an Jahren, Wissen, Geld, Besitz, Geschäften,
Umsatz, Frauen, Reisen, Kilometer erreicht oder ob es auch Qualität
und Sinn besitzt, ob es nur "Wichtiges" oder auch "Wesentliches" enthält,
ob es nur auf Sand oder auf festen Grund gebaut ist – das wird
sich am Ende zeigen. Arthur Schopenhauer zitiert einmal einen Grabspruch,
den er auf einem Danziger Friedhof entdeckt hat: "Am
Ende wird es offenbar, was Wachslicht und was Talglicht war."
Die Bibel
ist der Überzeugung, dass, wer sich sein Leben wie einen
Besitz aneignet und krampfhaft festzuhalten trachtet, sich damit gerade
gegen das Leben wendet und es in seiner Todesrichtung nur noch beschleunigt;
daß es
mithin einen pervertierten Lebenstrieb im Menschen gibt, der heimlich
auf seine Selbstzerstörung zielt. Sören Kierkegaard spricht
von des Menschen "Krankheit zum Tode".
Ob es sich beim christlichen
Glauben nur um eine gedachte abstrakte Theorie oder aber um eine konkret
erfahrene Realität handelt, das kann sich allein im
Leben erweisen. Wenn alle Garantien, Stützen und Brücken brechen,
durch die wir unser Leben zu sichern trachten, wenn wir allen Boden unter
den Füßen
verlieren und in die völlige Bewusstlosigkeit versinken, wenn
wir uns zu keinem Mitmenschen mehr verhalten können und kein Mitmensch
sich mehr zu uns, dann wird der Glaube total, dann enthüllt er sich
als das, was er seinem Wesen nach immer schon ist oder sein sollte: Sich
allein verlassen auf
Gott.
Angesichts des Todes gibt es keinerlei "Zwischenlösungen" – vom
Fortleben in der Familie oder in der Natur über die diversen religiösen
Wiederverkörperungs- und Unsterblichkeitslehren bis neuerdings hin
zu den Erlebnisberichten Reanimierter –, sondern nur die schroffe
Alternative: Entweder ein Mensch vergeht total und es bleibt nichts von
ihm, auch keinerlei
Gedenken und Gedanke, oder aber er ist "aufgehoben bei Gott". Damit
bleibt unser Leben zwar eine Einbahnstraße auf den Tod zu, aber
es ist jetzt keine Sackgasse mehr. Zwar setzt der Tod nach wie vor einen
Punkt hinter
unser Leben, aber Gott macht daraus, um im Bild zu bleiben, einen Doppelpunkt.
Aus dem Exitus, aus dem "Ausgang", wird der Tod zu einem Durchgang:
Wir bleiben nicht, aber Gott bleibt bei uns – und damit haben wir
"ewige Bleibe". Diese Treue Gottes ist der einzige Grund für
die christliche Hoffnung auf das ewige Leben.
Der christliche Glaube an das ewige Leben liefert keine verbindliche
Lehre über
das Vorhandensein einer jenseitigen Welt und das Dasein des Menschen
in ihr. Freilich hat sich der Glaube allezeit viele und vielfältige
Bilder und Vorstellungen vom ewigen Leben in einer jenseitigen Welt gemacht – die
Bibel ist voll davon. Mit diesen biblischen Bildern und Vorstellungen
vom ewigen Leben verhält
es sich wie mit der Kadenz in einem Klavierkonzert oder wie mit den Variationen über
das Thema einer Fuge: Es ist dem Interpreten jeweils freigestellt, wie
er das Thema variieren will. Jeder ist hier ein Solist – er muß sich
nur an das Thema halten. Das Thema aber ist im christlichen Glauben immer
nur eines:
Die von Jesus Christus durch sein Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen
verbürgte
Liebe Gottes – und darum Grund zum Vertrauen bis ans Ende. Deshalb
sollte der christliche Glaube auch hier Ballast abwerfen und alle Spekulationen über
das Wann, Wo und Wie des ewigen Lebens – über die Zeitdifferenz
zwischen Sterbestunde und Auferstehung, dem sogenannten "Zwischenzustand", über
den Ort der Toten und ihre Befindlichkeit – entweder aufgeben oder,
besser noch, allein Gott anheim stellen.
Ich möchte in meinem Glauben so weit kommen, daß ich alles
Wann, Wo und Wie und damit mich selbst ganz und gar Gott überlasse – er
wird’s
wohlmachen. Alle unsere Bilder und Vorstellungen vom ewigen Leben
lassen sich zuletzt in dem einen knappen Satz fassen: Den Toten fehlt
nichts. Das muß uns
genügen. Das ist alles – aber das ist auch wirklich alles.
Heinz-Hermann
Wittrowsky |