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MONATSSPRUCH

Juni
Gott spricht: Suchet mich, so werdet ihr leben.
(Am 5,4)

Juli<
So bekehre dich nun zu deinem Gott, halte fest an Barmherzigkeit
und Recht und hoffe stets auf deinen Gott!
(Hos 12,7)

August<
Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen,
ich urteile über keinen.
(Joh 8,15)

JAHRESLOSUNG
2010
Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich
(Johannes 14,1)


 
Foto: Andreas Kirsch
© Andreas Kirsch
Vergrößern (bitte ggf. JavaScript aktivieren)Apsisfenster der Zwölf-Apostel-Kirche (Detail)
 
Grund unserer Hoffnung –
im Leben und im Sterben

Man kann heute oft die Meinung hören, der moderne Mensch fürchte sich nur noch vor dem Sterben, aber nicht mehr vor dem Tod. Doch das stimmt nicht. Jeder von uns wird, wenn er erfährt, dass er unheilbar krank ist, und so die allgemeine Wahrheit, dass der Mensch sterblich ist, für ihn zur persönlichen Nachricht wird, dass er jetzt sterben muß, spontan dagegen protestieren: Warum gerade ich?

Dieser spontane Protest verrät, dass wir uns nicht nur vor dem Sterben fürchten, sondern vor dem Tod Angst haben. Warum gerade ich? – daraus spricht die Angst vor der "Vernichtung" unseres Ichs. Es ist nicht die Angst vor irgend etwas, sondern die Angst vor dem Nichts. Und darum ist es eine "namenlose" Angst. Denn wir können das Nichts wohl abstrakt denken, aber nicht konkret vorstellen. Ein Zustand, in dem wir nicht mehr da sind, in dem niemand mehr an uns denkt, in dem wir nicht mehr geliebt werden, in dem unsere Namen schließlich ganz und gar vergessen sind, selbst von jenen, die uns einstmals nahe waren, weil auch sie längst nicht mehr sind – wenn irgend etwas, dann bedeutet dies das totale Nichts. Das totale Nichts aber ist für uns entweder ein unvorstellbarer Zustand oder eine unerträgliche Vorstellung. Es bildet den äußersten Gegensatz zu unserem leidenschaftlichen Verlangen nach Identität und Bleiben.

"O Welt, ich muß dich lassen": Das Haus, in dem ich wohne, und die Straße, durch die ich täglich gehe – ohne mich. Der Waldrand oder das Meer, auf das ich nachts, wenn der Mond scheint, blicke – ohne mich. Die Menschen, die ich liebe – ohne mich. Die Freunde, die Nachbarn, die Kollegen – ohne mich. Der Gedanke dünkt fast unerträglich, einfach am Wegrand zusammenzusinken und zurückzubleiben, während die anderen weiterwandern, plaudernd, als wäre nichts geschehen. Alles geht weiter – und alles ohne mich. Der Welt und den Menschen zuschauen, ohne dass man selbst dabei ist, und ihnen das Leben gönnen, ja sie segnen und sprechen: Es ist gut so – wer das vermag, der hat die wahre Lebens- und Sterbekunst in eins gelernt. Aber wie vermag man das?

Wenn wir uns vornehmen, nicht an den Tod zu denken, denken wir bereits an ihn. Der Gedanke an den Tod legt sich als ein Schatten über unser ganzes Leben und drückt ihm seinen Stempel auf. Hiob hat recht: Sobald der Mensch geboren ist, ist er alt genug, um zu sterben – und darum ist das Leben voll Unruhe. Es gibt keine Sicherung vor dem Tod. Alles Streben nach Sicherheit steigert nur die Unruhe in unserem Leben, weil wir uns unserer Sicherheit nie endgültig sicher sein können. Darum können uns alle Lebensgüter und -werte wohl für einen Augenblick befriedigen, aber nicht auf Dauer befrieden.

Da hat einer sein Herz an das Geld oder an den Erfolg gehängt, und woran einer sein Herz hängt, das ist sein Gott. All sein Streben richtet sich darauf, koste es, was es wolle, zu haben und immer mehr zu haben. Auf diese Weise gerät er in eine atemlose Hast, er lebt in einer ständigen Überforderung seiner Kräfte. Hingegeben an das Geld oder an den Erfolg oder woran sonst immer, merkt er nicht, wie seine Substanz sich rasch und rascher aufzehrt – bis zum Zusammenbruch, sei es, dass seine physischen Kräfte nicht mehr ausreichen, sei es auch einfach, dass er plötzlich der Öde und Leere seines Lebens gewahr wird und vor lauter Langeweile nur noch todmüde gähnt.

Welch unheilvoller Widerspruch: Um der Angst vor dem Nichts zu entgehen, verhalten wir uns um so leidenschaftlicher zu dem Nichtigen und treiben so nur noch tiefer in das Nichts hinein!

Ob unser Leben nur erfolgreich oder ob es fruchtbar ist, ob es nur ein bestimmtes Quantum an Jahren, Wissen, Geld, Besitz, Geschäften, Umsatz, Frauen, Reisen, Kilometer erreicht oder ob es auch Qualität und Sinn besitzt, ob es nur "Wichtiges" oder auch "Wesentliches" enthält, ob es nur auf Sand oder auf festen Grund gebaut ist – das wird sich am Ende zeigen. Arthur Schopenhauer zitiert einmal einen Grabspruch, den er auf einem Danziger Friedhof entdeckt hat: "Am Ende wird es offenbar, was Wachslicht und was Talglicht war."

Die Bibel ist der Überzeugung, dass, wer sich sein Leben wie einen Besitz aneignet und krampfhaft festzuhalten trachtet, sich damit gerade gegen das Leben wendet und es in seiner Todesrichtung nur noch beschleunigt; daß es mithin einen pervertierten Lebenstrieb im Menschen gibt, der heimlich auf seine Selbstzerstörung zielt. Sören Kierkegaard spricht von des Menschen "Krankheit zum Tode".

Ob es sich beim christlichen Glauben nur um eine gedachte abstrakte Theorie oder aber um eine konkret erfahrene Realität handelt, das kann sich allein im Leben erweisen. Wenn alle Garantien, Stützen und Brücken brechen, durch die wir unser Leben zu sichern trachten, wenn wir allen Boden unter den Füßen verlieren und in die völlige Bewusstlosigkeit versinken, wenn wir uns zu keinem Mitmenschen mehr verhalten können und kein Mitmensch sich mehr zu uns, dann wird der Glaube total, dann enthüllt er sich als das, was er seinem Wesen nach immer schon ist oder sein sollte: Sich allein verlassen auf Gott.

Angesichts des Todes gibt es keinerlei "Zwischenlösungen" – vom Fortleben in der Familie oder in der Natur über die diversen religiösen Wiederverkörperungs- und Unsterblichkeitslehren bis neuerdings hin zu den Erlebnisberichten Reanimierter –, sondern nur die schroffe Alternative: Entweder ein Mensch vergeht total und es bleibt nichts von ihm, auch keinerlei Gedenken und Gedanke, oder aber er ist "aufgehoben bei Gott". Damit bleibt unser Leben zwar eine Einbahnstraße auf den Tod zu, aber es ist jetzt keine Sackgasse mehr. Zwar setzt der Tod nach wie vor einen Punkt hinter unser Leben, aber Gott macht daraus, um im Bild zu bleiben, einen Doppelpunkt. Aus dem Exitus, aus dem "Ausgang", wird der Tod zu einem Durchgang: Wir bleiben nicht, aber Gott bleibt bei uns – und damit haben wir "ewige Bleibe". Diese Treue Gottes ist der einzige Grund für die christliche Hoffnung auf das ewige Leben.

Der christliche Glaube an das ewige Leben liefert keine verbindliche Lehre über das Vorhandensein einer jenseitigen Welt und das Dasein des Menschen in ihr. Freilich hat sich der Glaube allezeit viele und vielfältige Bilder und Vorstellungen vom ewigen Leben in einer jenseitigen Welt gemacht – die Bibel ist voll davon. Mit diesen biblischen Bildern und Vorstellungen vom ewigen Leben verhält es sich wie mit der Kadenz in einem Klavierkonzert oder wie mit den Variationen über das Thema einer Fuge: Es ist dem Interpreten jeweils freigestellt, wie er das Thema variieren will. Jeder ist hier ein Solist – er muß sich nur an das Thema halten. Das Thema aber ist im christlichen Glauben immer nur eines: Die von Jesus Christus durch sein Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen verbürgte Liebe Gottes – und darum Grund zum Vertrauen bis ans Ende. Deshalb sollte der christliche Glaube auch hier Ballast abwerfen und alle Spekulationen über das Wann, Wo und Wie des ewigen Lebens – über die Zeitdifferenz zwischen Sterbestunde und Auferstehung, dem sogenannten "Zwischenzustand", über den Ort der Toten und ihre Befindlichkeit – entweder aufgeben oder, besser noch, allein Gott anheim stellen.

Ich möchte in meinem Glauben so weit kommen, daß ich alles Wann, Wo und Wie und damit mich selbst ganz und gar Gott überlasse – er wird’s wohlmachen. Alle unsere Bilder und Vorstellungen vom ewigen Leben lassen sich zuletzt in dem einen knappen Satz fassen: Den Toten fehlt nichts. Das muß uns genügen. Das ist alles – aber das ist auch wirklich alles.

Heinz-Hermann Wittrowsky

 
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