|
IM LEBEN UND STERBEN
Worauf einer "letzten Endes" vertraut
Kennen Sie die Situation, wenn man abends im
Bett liegt und nicht einschlafen kann? Zunächst fängt es ganz
harmlos mit irgendeinem Gedanken an den nächsten Tag an. Alsbald aber
verwandelt sich dieser Gedanke wie von selbst in eine Sorge, und
aus dieser Sorge wächst sogleich wieder die nächste hervor. Immer
hoffen wir dabei an einen Punkt zu gelangen, der dem Ganzen ein
Ende setzt, an
dem wir durch das Bedenken und Bewältigen einer vermeintlich letzten
Sorge aus allen Sorgen herauskommen. Aber wenn wir die Kette unserer
Sorgen konsequent zu Ende denken, dann enden wir bei dem Gedanken
an den Tod. Der
Tod bildet das verborgene Bindeglied in der endlosen Kausalkette
der Sorge. Weil der Tod dem Menschen so sicher ist, darum erscheint
ihm das Leben so
ungewiss. Vom Leben des Menschen kann daher sinnvoll und glaubhaft
nur reden, wer auch seinen Tod einschließt.
Der Dichter des Hiob-Buches
beschreibt den Einschluss des Todes in
das Leben, ebenso realistisch wie düster, so: "Der Mensch,
vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf
wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht."
(Hiob
14,1-2)
Damit werden Leben und Sterben des Menschen in einer Fluchtlinie
gesehen: In der Todessituation wird die Lebenslage des Menschen
offenbar. Entsprechend ist die Todesangst des Menschen keine andere
Angst als die,
die ihn auch sein Leben lang beherrscht, und umgekehrt ist die
Lebensangst des Menschen dieselbe Angst, die ihn auch im Angesicht
des Todes überfällt.
Wahre Sterbekunst und richtige Lebenskunst lassen sich daher nicht
voneinander trennen. Der christliche Glaube an Gott gibt in eins Antwort
auf beides,
auf das Leben und auf das Sterben des Menschen.
Überlegenheit über den Tod kann der Mensch nur durch eine Kraft gewinnen,
die ihm seine Lebens- und Todesangst in einem überwinden hilft – durch
einen Glauben, der im Leben und Sterben durchträgt. Das aber kann allein
das Vertrauen auf einen Grund sein, der unser Dasein in jedem Augenblick,
im Leben wie im Sterben, umfängt und trägt. Darum bedeutet der
Tod den Ernstfall des Glaubens: Worauf einer "letzten Endes" vertraut. Heinz-Hermann Wittrowsky |