REIHE: DIE ZWÖLF APOSTEL
Johannes Zebedäus
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Ephesus: Auf dem Hügel Ayasoluk, Begräbnisort des Johannes, errichtete man zunächst eine Grabkapelle und später unter Kaiser Justinian (527–565) eine 150 m lange Kreuzkuppelbasilika. Am Ort des Tempels der Fruchtbarkeitsgöttin Artemis/Diana, eines der sieben Weltwunder der Antike, verdam-
mte das Dritte Ökumenische Konzil 431 feierlich die Lehre, dass Maria die leibliche Mutter Christi sei. |
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Am Anfang war das Wort, der logos. So steht es im Evangelium des Johannes. Goethes Faust ("wie fass’ ich’s nur?") macht daraus: "Am Anfang war die Tat". Gemeint ist: Am Anfang war die Liebe.
Johannes stammt aus einer wohlhabenderen Familie, sein Vater Zebedäus hat ein kleines Fischereiunternehmen in Bethsaida und beschäftigt sogar andere Fischer. Man hat vermutet, dass er seinen Fisch bis in das Haus des Hohenpriesters lieferte (warum sonst hätte Johannes dort im Dienstboteneingang freien Zutritt gehabt (Joh 18,15)?).
Ob "Hans", "Giovanni", "Juan", "Johnny" oder "Iwan": Der Name Johannes ist
beliebt, und das war er schon zur Zeit Jesu. Diesen Namen führte z. B. außer unserem Apostel – bitte nicht verwechseln! – auch ein Cousin Jesu. Der taufte fleißig am Jordan und hieß deshalb Johannes "der Täufer". Der spätere Apostel und Evangelist Johannes war einer von dessen Jüngern (Joh 1,35ff). Er gehört zu den ersten, die mitbekommen, dass der Täufer Jesus als den Messias (Christus) verkündigt. Jesus lädt die Freunde sofort zu sich ein und sie bleiben bis zum Abend … (Joh 1,39). Zusammen mit Petrus und seinem Bruder Jakobus gehört Johannes sofort zum engsten Kreis um Jesus (Mk 5,37), auch er ist später – wie Petrus – Zeuge der Verklärung Jesu. Der nennt die beiden Brüder Boanerges "die Zornmütigen", landläufig: die "Donnersöhne" (Mk 3,17). Das scheint so gar nicht zu dem friedfertigen Johannes zu passen. Doch auch dieser Name hat – wie bei Petrus – einen Hintersinn.
Die Mutter des Jüngers hieß Salome (vgl. Mt 27,56 und Mk 15,40), sie gehört wohl bald zu den Frauen, die Jesus "mit ihrer Habe dienen" (Lk 8,1ff). Jedenfalls zieht sie mit den Jüngern durch Galiläa. Salome versucht ihren Söhnen auch im Himmel die Vorrangstellung zu sichern, aber Jesus weist sie ab. Der selbstbewusste Wunsch sorgt bei den Mitjüngern für Unmut, sie fordern ein Machtwort, das dann für alle überraschend ausfällt: "Wer groß sein will unter euch, soll euer Diener sein." (Mk 10,35ff vgl. Mt 20,20ff) Nicht nur Mama Zebedäus, auch Johannes selbst will – zumindest für die Jünger – Exklusivität, aber Jesus erlaubt, dass auch andere in seinem Namen böse Geister austreiben. (Mk 9,38; Lk 9,49). Dennoch liegt Johannes als Lieblingsjünger Jesu beim letzten Abendmahl an dessen Brust (Joh 13,23). Zu Recht. Denn als einziger der männlichen Jünger stellt er sich der Katastrophe der Hinrichtung. Er nimmt die Mutter des sterbenden Jesus zu sich, als wenn die keine anderen leiblichen Söhne hätte, sich um sie zu kümmern: Geistige Kindschaft ist wichtiger als leibliche. (Joh 19,26 vgl. Mk 3,31ff)
Zunächst bleibt man in Jerusalem, und Petrus und Johannes sind die anerkannten Sprecher der Urgemeinde (Apg 3,1ff). Doch schon bald gerät die kleine erfolgreiche Gemeinde in Bedrängnis (Apg 4,1ff). Als Saulus/
Paulus die Gemeinde verwüstet, werden Petrus und Johannes von den Aposteln nach Samaria gesandt und bringen den dort Getauften den Heiligen Geist. (Apg 8,14ff vgl. 11,16)
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Eine wiedererrichtete Säule, im Hintergrund der Hügel mit der Ruine der Johannesbasilika |
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Als Herodes Agrippa (ein Enkel des großen Kindermörders) im Jahr 41 sein von Rom verliehenes Königreich antritt, will er sich bei seinen Untertanen (wohl insbesondere bei den Hohepriestern) beliebt machen und lässt den Bruder des Johannes enthaupten und Petrus ins Gefängnis werfen (Apg 12,1ff). Wie durch ein Wunder entgeht nur Johannes der lebensbedrohlichen Nachstellung. Vermutlich kommt bereits um diese Zeit das Gerücht auf, Jesus habe Johannes Unsterblichkeit verliehen. Johannes weist das weit von sich. Jesus habe nur gesagt: "Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?" Johannes weiß um die Bedrohtheit seiner körperlichen Existenz. Darum geht es aber nicht (vgl. Joh 11). Sterben müssen wir alle, früher oder später. Wir müssen von neuem geboren werden, und diese Wiedergeburt ist geistig (Joh 3): "Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt." (Joh 11,25)
Zwölf Jahre bleibt man in Jerusalem. Als dort etwa im Jahr 48 das große Apostelkonzil stattfindet (Apg 15 vgl. Gal 2), werden die Missionsgebiete unter den Aposteln verteilt (Gal 2,9) und Johannes erhält die Provinz Asia mit der Hauptstadt Ephesus (Eusebius h.e. III.1). Auch sollen ihn seine Mitjünger aufgefordert haben, sein Evangelium aufzuschreiben (Canon Muratori 10–16), aber Johannes habe gezögert, weil er noch so jung war. Letzteres dürfte den Tatsachen entsprechen. Ich werde an anderer Stelle ausführlich zeigen, dass das Johannesevangelium im Jahr 60 in Rom bereits weit verbreitet war. Das bedeutet aber, dass es eine ganze Zeit früher geschrieben sein muss.
Das Evangelium ist eine echte Zumutung. Nicht nur, dass die Wunder bei Johannes den Glauben (absichtlich?) überstrapazieren – der tote Lazarus stinkt schon, als Jesus ihn erweckt! (vgl. Joh11,39) –, auch dass der johanneische Christus unverkennbare Züge von Arroganz, Größenwahn und Paranoia zeigt (Albert Schweitzer), wird gern mit dem Hinweis kaschiert, das Evangelium sei erst sehr spät entstanden und keine historisch ernstzunehmende Quelle. Dabei ist klar: Johannes will weitergeben, was in seinem Leben unglaublichen Eindruck gemacht, "Zeichen" gesetzt hat. Um so weniger kann überraschen, dass der historische Rahmen, in den Johannes seine gute Botschaft einfügt, so viel überzeugender, stimmiger ist als der aller anderen Berichte. Das Evangelium des Johannes ist ein großartiges Kunstwerk, das seine ungebrochene Überzeugungskraft aus der Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit bezieht. Da schreibt einer, der es gesehen hat, und sein Zeugnis ist wahr.
Das Bild des Jüngers Johannes wird seit ältesten Zeiten u.a. durch seine lebenslängliche sexuelle Jungfräulichkeit bestimmt (Schneemelcher II 385). Das Fleisch hat dem Donnersohn immer Angst gemacht (vgl. Eus. h.e. III 28.6). Dass es nichts nütze sei (Joh 6,63), ist dabei noch der geringste Vorwurf. Im Zentrum seines Denkens steht geistige Kindschaft anstelle von körperlicher Zeugung. Der Stolz auf Abstammung oder Volkszugehörigkeit ist daher Teufelszeug. Joh 8,37ff kann daher nicht antisemitisch verstanden werden.
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In diesem Amphitheater predigte Paulus auf seiner dritten Missionsreise und wandte sich auch gegen den Artemis-
/Diana-Kult (vgl. den "Aufruhr des Demetrius", Apostel-
geschichte 19). |
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Seltsam, dass Johannes dem Paulus in dessen ephesinischen Jahren (53–55) nicht begegnet – wie konnte man sich aus dem Wege gehen (vgl. aber Apg18,24–19,1)? Anfang der sechziger Jahre, Johannes mag ein Mittfünfziger sein, setzt ein bedrohlicher Abfall vom Christentum ein. Jesus, der versprochen hatte, noch zu Lebzeiten seiner Jünger wiederzukommen, war trotz sehnsüchtigster Gebete nicht erschienen. Johannes wendet sich mit drei Briefen an die Gemeinden und ermahnt sie zum Festhalten am Glauben.
In Rom soll ihn Domitian später einer Ölfolter unterzogen haben, aber das Öl verwandelte sich in ein erfrischendes Bad. Auf die Insel Patmos verbannt, soll er der Legende nach die apokalyptische "Offenbarung" geschrieben haben, was aber stark zu bezweifeln ist. (vgl. Eus. h.e. III 20). Nach seiner letzten Predigt unter dem Motto "Kindlein, liebet einander" starb Johannes als Greis in Ephesus eines natürlichen Todes (legenda aurea, vgl. Eus. h.e. III 31).
Noch zu Beginn des
4. Jahrhunderts wurde dort eine von Johannes selbst angefertigte Abschrift des Evangeliums aufbewahrt (Petrus von Alexandria), im 6. Jahrhundert wurde dort die berühmte Johannesbasilika errichtet (siehe Seite 13 in Zwölf Apostel Nr. 15).
Zentral ist bei Johannes die Innenschau, nicht die Außenwirkung, nur deshalb spricht er nicht über Feindesliebe. Aber auch für
Johannes ist die Liebe das höchste Gebot (Joh 15,12 vgl. Mt 22,37ff par, Röm 13,9, 1Kor 13): "Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr Liebe untereinander habt." (Joh 13,35) Denn Jesus war wahrhaftig Gottes Sohn – seines Geistes Kind. Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott. Johannes, der Jünger, den Jesus lieb hatte, hat dieses Wort bis ins Mark erschüttert. Von der Liebe seines Lehrers getragen hat er es weitergegeben, überzeugt und überzeugend wie kein Zweiter: "Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm."(1Joh 4,16).
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Literaturtipps:
John A. T. Robinson, Johannes – das Evangelium der Ursprünge.
Luise Rinser, Mirjam.
Thomas Völker
Beitrag
in "Zwölf Apostel" Nr. 15
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