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THEMA: KOPFTUCHSTREIT
Post an Zwölf Apostel

Zum Beitrag "Das Kreuz mit dem Kopftuch" im Gemeindemagazin "Zwölf Apostel" Nr. 7, Seite 9, schreibt Merlyn Solakhan im Januar 2004:

Lieber Herr Dr. Fuhr, ich habe Ihren Artikel im Gemeindemagazin mit Interesse gelesen und möchte nun, mit ein paar Ergänzungen aus meiner Sicht, zu dieser Diskussion beitragen. Als Mutter eines Gemeindemitglieds fühle ich mich auch zur Zwölf-Apostel-Gemeinde gehörig. Ich möchte mich von einer völlig anderen, aber mir vertrauten Seite dieser Problematik nähern.

Der Streit um das Kopftuch ist nicht alt, vielleicht 15 Jahre. Ich möchte es am Beispiel der Türkei näher erläutern. In der Türkei z. B. ist das ostentative Tragen des Kopftuches – als eine Bewegung – seltsamerweise erst 70 Jahre nach Gründung der Republik so plötzlich hervorgetreten. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es das "selbstverständliche" Kopftuch – ich nenne es mal so: jenes, worüber niemand sich aufregte, jenes, das die Frauen in den Dörfern und in der Provinz trugen. Die aufgeklärten Musliminnen in den Städten trugen nach der Gründung der Republik kein Kopftuch mehr. Mit "Kopftuch" war gleichgesetzt "Provinz, Armut, keine Bildung" – laut Staatsgründer hätte Bildung die Frauen von selbst vom Kopftuch befreit. Auf dem Lande war das Kopftuch oder der Umhang in vielen Regionen ein Muss für die Dorfbewohnerinnen. In einer Ortschaft, in der wir unsere Ferien verbringen – ca. 1,5 Stunden Schiffsweg von Istanbul entfernt – ist es noch heute so. Und das ist nicht das "drapiert aufgetürmte" politische Kopftuch, das "türban", wie es in der Türkei genannt wird, sondern das Landkopftuch. Die einzigen Ausnahmen in diesem Ort sind die Lehrerin und die Angehörigen des Gendarmerie-Kommandanten.

Ich erinnere mich übrigens, dass meine Großmutter immer mit einem Hut oder mit schwarzer Spitze ihren Kopf bedeckte, wenn wir in die Kirche gingen. Die aramäischen Frauen der Gemeinde hier in Berlin an der Potsdamer Straße kann nur ein geschultes Auge von Musliminnen unterscheiden. Im Orient tragen die meisten christlichen Frauen, seien es Aramäerinnen oder Chaldäerinnen, noch das Kopftuch – nicht nur in der Kirche, sondern auch im Alltag. In Griechenland auch. Die meisten alten Frauen auf dem Land tragen das schwarze Kopftuch der Bäuerinnen.

In der Türkei unterlagen Frauen im Alltag wegen ihrer Kleidung keinerlei offener Diskriminierung, doch ist es bis heute verboten, im Staatsdienst und in "öffentlichen Räumen" wie Schule, Universität, Parlament ein Kopftuch zu tragen. Lange hatte sich niemand getraut, das Recht dazu einzufordern. Grund war die lange Geschichte einer viel elementareren Diskriminierung. Nach der Gründung der Republik 1923 gab es in der Türkei eine Kleiderreform, die einer Kulturrevolution ähnelte. Frauen mussten über Nacht den Schleier ablegen und die Männer den Fes. Für die muslimische Bevölkerung war es jedoch undenkbar, sich in der Öffentlichkeit ohne eine Kopfbedeckung zu bewegen. Die Borsalino-Fabrik in Italien lieferte mit Riesendampfern Hüte nach Istanbul und sie kam in arge Lieferschwierigkeiten, denn der Hunger nach Hüten war nicht zu stillen. Die Angst, wegen nicht erlaubter Kopfbedeckung verfolgt zu werden, saß sehr tief in den Knochen der Menschen und erschütterte sie; einige, die dem Gesetz nicht folgten und weiter den Fes trugen, wurden tatsächlich kurzerhand aufgehängt. Auch im Osmanischen Reich ging es, wenn etwas reformiert werden sollte, zuerst immer um die Kopfbedeckungen. In der Geschichte des türkischen Staates wurden Reformen sozusagen immer am Kopf angepackt. Sultan Mahmut II schaffte – Symbol der "ersten Modernisierung der Türkei nach westlichen Vorbildern" – den Turban ab und führte den Fes ein, und zwar einen einzigen für alle Religionen. Er sagte: ihren Glauben sollen die Juden in der Synagoge, die Christen in der Kirche und die Muslime in der Moschee zu erkennen geben, aber im öffentlichen Leben sollen sie alle gleich sein.

Die Schließung der religiösen Schulen und das Verbot der Sekten nach der Gründung der Republik wurde immer mit der angeblichen Rückschrittlichkeit der muslimischen Religion begründet. So mussten wir es in der Schule lernen. Aber jede Kultur schöpft zu einem wesentlichen Teil aus Religion. Und wenn man Religion verbietet, die älteste Form aller Kulturausübung, kann man ganz sicher sein, dass sie immer wieder aufflammt und neu geboren wird, weil sie ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Existenz ist und älter als alles andere. Darauf beruht zumindest in der Türkei auch die Entstehung des politischen Islam. Die im wahrsten Sinne Armen, unterdrückt, ausgebeutet, die in den Wirren der linken Bewegungen der 70er Jahre nicht zu ihrem Recht kamen, haben sich diesmal, zu ihrer Rettung, dem Islam zugewandt. So könnte man es vereinfacht sagen – und dabei haben sie vieles erfahren, was sie gar nicht wussten: über die Verbote, über ihre Geschichte etc. Dinge, die ihnen nun als der wahre Grund ihrer Benachteiligung erschienen. Deshalb ist der politische Islam für mich ein Aufschrei, dem ich zuhören muss und Raum geben, damit er Zeit hat, zu seiner Wahrheit zu finden, das Gute vom Bösen zu trennen. Nur wenn man ihn wahrnimmt und anerkennt und nicht ihn bekämpft, kommen alle zusammen gemeinsam weiter.

Ich bin in Istanbul auf ein Gymnasium gegangen, das von katholischen, österreichischen Ordensschwestern geführt wurde. Alle meine Lehrerinnen waren Nonnen in Ordenstracht. Mit mir waren es 4 Christinnen in einer Klasse von 40 Schülerinnen. Alle anderen waren muslimische Türkinnen, die vor Ihren Eltern in dieses Internat geschickt wurden, damit sie eine Fremdsprache gut lernten, Garant für eine erfolgreiche Lebenskarriere. Wenn ich heute darüber nachdenke: Niemals hat jemand von den Eltern Anstoß am Aussehen der Schwestern genommen, ganz im Gegenteil. Die Werte, die diese christlichen Schwestern vermittelten, wurden so hoch geschätzt, dass man darum gekämpft hat, seine Kinder auf diese privilegierte Schule zu bringen. Könnten wir uns das Gleiche in Berlin vorstellen, irgendwann einmal, ein islamisches Gymnasium mit solch einem Ruf?

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